Der Jahrtausend Dealer: PC-Broker – die gab es einmal

November 1999: Der PC-Broker Gerald Haldenwang macht vor der Jahrtausendwende gute Geschäfte mit gebrauchten, nicht Y2K-sicheren PCs und Laptops.

Der Jahrtausend Dealer

PC-Broker machen jetzt das Geschäft ihres Lebens. Sie kaufen nicht auf Millenniums-tauglichkeit überprüfte PCs in Bausch und Bogen und verscherbeln sie ins ferne Afrika oder in den wilden Osten.

Die Angst vor dem großen Crash geht um. Sämtliche PC-Hersteller haben eigene 2000-Service-Hotlines eingerichtet, die Auskunft geben, bei welchen Geräten Vorsicht geboten ist. Das Internet quillt über mit Tipps und Tricks zur Beseitigung jenes Fehlers, der sich vor Jahrzehnten in die Computerbranche eingeschlichen hat und als „Millennium-Bug“ weltweit gefürchtet wird.

Gut bezahlte Bug-Fighter ziehen als Y2K-Kammerjäger durch die Computernetzwerke und bemühen sich um Schadensbegrenzung. Die meisten Betriebe sind jedoch längst daran gegangen, sämtliche nicht 2000-fähigen Geräte durch neue zu ersetzen, selbst wenn die alten Rechner in den Büchern noch einen erheblichen Wert haben sollten. Zigtausend Computer sind in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden.

Doch sie kommen durch die Hintertür wieder auf den Markt. Denn nur wenige Rechner wurden gegen Bezahlung von rund zwei Schilling je Kilogramm und 100 Schilling je Monitor als Computerschrott entsorgt. Großkonzerne, Banken und Versicherungen mit ihren zehntausende Terminals umfassenden Netzwerken haben stattdessen eine Möglichkeit gefunden, aus den ausrangierten Geräten noch ein wenig Kapital zu schlagen. Internationale PC-Broker kaufen den Unternehmen ihre Alt-PCs zu tausenden ab und verwandeln sie auf einer Online-Terminbörse in bare Münze. Rund 1300 Broker kaufen und verkaufen dort gebrauchte PCs und Notebooks im großen Stil.

Die Österreich-Connection. Als einziger Österreicher mischt dabei der Wiener Geschäftsmann Gerald Haldenwang mit. „Reich bin ich noch nicht geworden“, sagt der 37-jährige Unternehmer, der vor vier Jahren in das Termingeschäft eingestiegen ist. Der Mitgliedsbeitrag von rund 2000 Schilling monatlich dürfte für Haldenwang aber dennoch eine lohnende Investition sein, denn mit einem Jahresumsatz von rund 50 Millionen Schilling zählt er auch international zu den erfolgreichsten Brokern.

An die 8000 Notebooks und 25.000 PCs samt Monitoren verkauft er jährlich. Abnehmer sind Händler im ehemaligen Ostblock, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und in Afrika. Länder, in denen Computer immer noch Mangelware sind und wo sich die billigen Gebrauchtgeräte verkaufen wie die warmen Semmeln. Rückblickend kann es Haldenwang kaum glauben, damals den richtigen Riecher gehabt zu haben. „Vor vier Jahren waren Gebraucht-PCs noch überhaupt kein Thema“, erzählt er, der davor ausschließlich mit Großrechnern handelte. „Damals wurde jeder für verrückt erklärt, der damit Geld verdienen wollte.“ Sein Pioniergeist hat sich als richtig erwiesen. Erst kam Windows 95, und die Leistungsanforderungen an die Computer explodierten. Dann begann der Millennium-Bug seinen Schrecken zu verbreiten, und plötzlich waren unzählige PCs am Markt.

Mittlerweile ist Haldenwangs Halma HandelsgesmbH auch im Neugeschäft ein wichtiger Businesspartner geworden, denn die Verkaufschefs der Computerhersteller können heute kein größeres Geschäft mehr einfädeln, ohne gleichzeitig ein Angebot für die Übernahme oder die Entsorgung der Altgeräte abzugeben. Für Peter Walek, den Österreich-Vertriebsleiter für IBM-Notebooks, ist Haldenwang inzwischen der wichtigste Partner im Handel mit gebrauchten Geräten.

Wie alle Broker zeigt sich auch Haldenwang sehr markenbewusst und kauft nur Geräte mit wohlklingenden Namen. Der Computer aus dem PC-Supermarkt ist an der Gebrauchtbörse keinen Schilling wert. „Einen Markt gibt es nur für Markengeräte“, sagt Haldenwang, „No-Names sind nicht vermarktbar, auch weil sie nicht in großen Stückzahlen erhältlich sind.“

Kauf im großen Stil. Privatpersonen, die einen hoffnungslos veralteten PC besitzen, sind somit für die Broker als Bezugsquelle uninteressant. Gekauft wird nur ab etwa 50 baugleichen Rechnern, und an der Online-Börse werden die Geräte erst ab 25 Stück gehandelt, da sonst die Transportkosten den Wert der Geräte über-steigen würden.

Auf den ersten Blick erscheinen die an der PC-Börse notierten Altgeräte so billig, dass es kaum vorstellbar ist, dass die Broker daran noch etwas verdienen. 75-MHz-Pentiums stehen derzeit mit rund 800 Schilling im Kurs, 100er-Pentiums mit 1000 Schilling und die noch etwas flotteren 166er-Pentiums um 2000 Schilling. Selbst dabei ist aber noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn die Börse ist, wie Haldenwang sagt, eigentlich ein großer Bazar, auf dem um jeden Schilling gefeilscht wird.

Für die Broker ist es daher besonders wichtig, ein gutes Gespür für die Preisentwicklung zu haben und nicht zu teuer einzukaufen. „Manche Unternehmer fühlen sich betrogen, wenn ich ihnen erkläre, dass ich für einen PC nicht mehr als 500 Schilling bezahlen kann“, sagt Haldenwang. Vom Zeitpunkt des Einkaufs dauere es aber in der Regel ein knappes halbes Jahr, bis er die Ware tat-sächlich im Haus habe, und die Preise sinken rasant.

Haldenwang gibt zu, sich deshalb auch schon das eine oder andere Mal verspekuliert zu haben und aus einzelnen Geschäften mit Verlust ausgestiegen zu sein. Wenn ein neuer, leistungsfähigerer Prozessor auftaucht, fallen die Preise am Gebrauchtmarkt ebenso rapide wie bei den Neugeräten. Hat er dann einige tausend Computer auf Lager, werde es eng, da seine Gewinnspannen nicht besonders hoch seien. Auch die Konkurrenz an der Börse hat den Broker schon einige Male um die ausgemalten Gewinne gebracht. „Der Markt ist nicht endlos. Wenn jemand zur gleichen Zeit ähnliche Geräte um ein paar hundert Schilling einkauft, ist der Gewinn futsch“, meint Haldenwang.

Lieferung nach Ägypten. Je größer die Unternehmen und je höher die Stückzahlen, desto unkomplizierter und einfacher ist es für die Broker, Geschäfte zu machen. Im Idealfall treten sie selbst nur noch als Vermittler im Hintergrund auf, und die Wiederverkäufer holen die Geräte selbst direkt vor Ort ab. So geschehen bei der Bank Austria, von der Haldenwang im laufenden Jahr bisher gut 3000 Computer erhalten hat.

Erst vor wenigen Wochen hat Haldenwang die letzten 700 nicht 2000-fähigen Rechner der Bank nach Ägypten weiterverkauft, wo das Y2K-Problem anscheinend noch auf die leichte Schulter genommen wird. Was die Endkunden mit den von der Bank aus Sicherheitsgründen ausgemusterten Geräten machen, darüber will sich der Broker nicht den Kopf zerbrechen.

„Ich habe mit dem Jahr 2000 noch keine Probleme gehabt“, sagt Haldenwang, der sich daher auch noch keine Gedanken über mögliche Fehlfunktionen der von ihm verkauften Computer gemacht hat. Im Übrigen seien für Länder, in denen immer noch Fiats aus den fünfziger Jahren in Lizenz produziert werden, PCs aus den achtziger Jahren mit Sicherheit noch modern genug. „Dafür kosten die Rechner auch nur 2000 Schilling statt 20.000 Schilling.“

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